Frühlingsgefühle

„Hallo, ich bin Aurelia“, sprach das Mädchen den Mann an. Schweigend nahm er es zur Kenntnis. Sie setzte sich neben ihn. Ganz vornehm, beide Beine geschlossen zur Seite gelehnt, den Oberkörper aufrecht. Der Mann stützte sich mit seiner Rechten auf einem Gehstock ab. „Sie haben einen wunderbaren Spazierstock, Mister“, versuchte das Mädchen eine Konversation aufzubauen. „Wenn ich einmal so alt bin wie Sie, hätte ich auch gerne so einen“, säuselte sie. Der Mann schien zu nicken, verhalten. „Ja, ich verstehe, das Alter kann auch eine wahre Last sein. Aber dafür haben Sie schon so viel gesehen! Davon kann ich nur träumen.“ Aurelia machte eine ausladende Geste, erinnerte sich plötzlich wieder an ihr Vorhaben und glitt sofort in ihre vorherige Pose zurück.

„Wie viele Menschen besuchen Sie denn täglich, während Sie hier auf der Bank Ihren Gedanken nachhängen? Bestimmt sind viele Reisende darunter, nicht wahr? Sie hören sicher ganz ordentlich spannende Geschichten!“ Ihre Augen glänzten begeistert und sie hatte ihren Kopf aufgeregt nach vorne gestreckt. Der schweigsame Fremde deutete ein Lächeln an, den rechten Mundwinkel leicht nach oben gezogen, die Lippen gekräuselt.

Er schaute in die Ferne, als sähe er all die vorbeigezogenen Jahre dort hinten am Horizont, ausgestellt wie Bilder in einer Galerie. Aurelia seufzte theatralisch, um seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen. „Die Blume in Ihrem Jackett ist übrigens ein sehr gut gewähltes Accessoire.“ Sie benötigte einige Anläufe, um dieses schwierige Wort vollständig hervorzubringen. Aber sie wollte es unbedingt benutzen, es war doch ein ausgesprochen elegantes Wort. Sie drehte den blonden Schopf und betrachtete die Nelke. Ein wenig mehr Farbe hätte ihr gut gestanden, befand sie und wendete den Blick wieder ab. 

„Oh sehen Sie, da vorne! Giovanni öffnet die Eisdiele! Von dem Platz da vorne links habe ich Sie häufig beobachtet. Sie wirken nicht wie jemand, mit dem man so einfach Freund werden kann. Ich hoffe, das verletzt Sie nicht, aber der Redseligste sind Sie nun wirklich nicht. Das ist aber gar nicht weiter schlimm. Es gibt nur wenige Menschen, die gut zuhören können und diese Eigenschaft beherrschen Sie ausgezeichnet.“ Das Mädchen schlug schwungvoll das rechte Bein über das linke und zog sich daran in die aufrechteste Position, die ihr die Wirbelsäule gestattete, den unter ihrem geblümten T-Shirt sich abhebenden Brustansatz hervorgestreckt. So hatte sie es im Fernsehen gesehen.

Die Hand des Mannes, die den Knauf seines Gehstocks umschlossen hielt, hätte seinem Alter entsprechend, zittern müssen. Bisher jedoch lag sie ganz ruhig auf und hielt den hölzernen Gefährten, als habe sie jahrelang nichts anderes getan, ohne auch nur das geringste Zeichen einer Schwäche. Seine Linke war locker auf dem Oberschenkel abgelegt.

Aurelia suchte nach einem Zeichen der Zustimmung oder des Missfallens in seinen Zügen. Beide Augenbrauen hatte der ruhige Alte leicht nach oben gezogen, die Haut zeichnete sanfte Wellen auf seine Stirn. Deutete sie etwa richtig? „Ich kann mir denken, dass nicht oft jemand so offen zu Ihnen spricht. Es mag Sie vielleicht überraschen, aber ich habe das Gefühl, Ihnen alles erzählen zu können. Sie werden mich nicht auslachen, das spüre ich. Das ist selten“, flüsterte Aurelia mit gesenktem Blick. Sie rückte ein Stück auf, ganz langsam, fast unscheinbar und nur so weit, dass der Saum ihres Sommerrocks gerade die Naht seiner Hose berührte. Sie wollte ihm nah sein, diesem Fremden, der sich in Schweigen hüllte. Dem einzigen Mann, von dem sie glaubte, er könne sie verstehen, ja, nicht nur verstehen, sondern ihr auch etwas geben. Sie fühlte sich geborgen, seine Anwesenheit beglückte sie.

Aurelia wollte ihm zeigen, wie toll sie Seil springen konnte, danach lachend auf seinen Schoß klettern, ihre Arme um ihn schlingen und ihre Nase in seinen faltigen Hals drücken. Was machten denn schon Jahre aus, wenn man spürte, dass dieser derjenige war und kein anderer auf der ganzen Welt? Wenn es mehr gab als Jung und Alt. Langsam und mit zitternden Fingern legte das Mädchen ihre warme, feuchte Hand auf die runzlige rechte des Mannes. Die Berührung brachte sie in Verlegenheit. Ihre Wangen begannen zu glühen und der winzige Luftraum zwischen ihrer Handfläche und seinem Handrücken schien sich zu erhitzen. Ein leises Stöhnen entfuhr ihren Lippen, voll Sehnsucht und Erwartungen nach – ja nach was eigentlich?

Der Mann hielt eisern an seinem Spazierstock fest und starrte geradeaus. Steif und unbeholfen, als wisse er die Situation nicht richtig zu deuten, als wäre die sanfte, kindliche Hand auf seiner harten, alten Haut zu viel für seinen Verstand. Als ihr Stöhnen an seine Ohren drang schien es, als krallte sich seine Linke fester in den Oberschenkel und seine Augen riefen: Oh Herr, gib mir Halt, wo führt das hin? Sie war so nah… Mit einem Ruck löste Aurelia die Berührung. „Auf Wiedersehen“, stieß sie hervor, stand auf und sprang davon. Das goldschimmernde Haar schwang dabei von einer Seite zur anderen. Der Alte blickte ihr nach. Sie musste seinen Blick in ihrem Rücke spüren, so sehr war er auf diesen fixiert. Diesen jungen, feinen Rücken. Die gekräuselten Lippen taten sich schwer daran, sich zu öffnen. ‚Aurelia‘, wollten sie wohl gerne rufen, ‚liebe, kleine Aurelia. Pass auf dich auf mein Kind, verirr‘ dich nicht!‘ Ja, mit Sicherheit hätte er ihr etwas in der Art hinterhergerufen. Oder etwas anderes, ganz egal. Wäre er doch bloß nicht aus Bronze gewesen.

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Versteckte Blüten

30. August 2020