Frau Übellaune zu Besuch

Frau Übellaune steht auf Spontanbesuche. Sonst könnte man ja rechtzeitig Maßnahmen gegen sie einleiten, und wo bitteschön sollte sie dann ihre Aufmerksamkeit herbekommen? Sie steht also ganz unangemeldet in meinem Zimmer und fängt an zu meckern. Frau Übellaune ist nämlich einigermaßen zickig, mag Sonne ebenso wenig wie Regen, denn die eine blendet und der andere macht nass. Zustände im Allgemeinen findet sie anstrengend, äußerst anstrengend. Aber Veränderung ist eigentlich noch schlimmer, diese Energie, die das kostet, absolut überbewertet.

Was die gute Dame will, kann sie nicht genau sagen, aber sie will da sein, das ist sicher. Da sein und die Augenbrauen zusammenziehen, die Stirn in Falten legen (glatte Haut gibt’s eh nur in der Werbung) und ein bisschen Trübsal blasen, mit schweren Seufzern dabei. Das gefällt ihr irgendwie, wenn auch nur mäßig, aber immerhin.

Nachrichten von außen kann sie gar nicht leiden, ist doch immer dasselbe und alle wollen sie was von einem, dann sollen sie ebene warten, sie ist ja auch nur Mensch, irgendwie und da wäre es auch wichtig, mal so gar nicht zu wissen, wohin mit sich. Sie plädiert hier für Gleichberechtigung. Diese Endorphine, die beanspruchen ihr zu viel Platz, gepaart mit dem Zwang seien sie die Patriarchen der Gefühle. Nein, da müsse sie gegen halten, sonst sei das Gleichgewicht im Arsch und wo das hinführt, na das sieht man ja, diese abgebrühten Menschen, die schon gar nicht mehr fühlen, nur noch machen und sich nicht mal hängen lassen können. Pfui Spinne, da wird ihr ja ganz schlecht.

So sitzt sie also jammernd, schimpfend und seufzend in meinem Zimmer und will nicht gehen, also biete ich ihr eben eine Tasse Tee an und nehme mir ein Buch. Was solls.

Es ist vieles nicht okay für Frau Übellaune, aber ein gutes Buch lesen und eine Tasse Tee trinken, das ist schon okay, damit kann sie leben. Solange das Grinsen nur eingepackt bleibt, ihr wisst schon, die Gleichberechtigung. Das ist ihr sehr wichtig. Ich lese also und da sitzt sie ungewöhnlich ruhig neben dran und lässt mich machen und schlürft wehmütig ihren Tee. Hauptsache, sie muss nicht alleine sein. Und darf ein bisschen seufzen, hier und da. Und auch mal schimpfen, auf das gute Wetter, oder eben den Regen und die gute Laune, mit der kann sie nämlich gar nicht.

Oder sie lässt mich einen Text schreiben, damit jeder weiß, dass es sie gibt und dass ihr doch bitte, wenn sie nächstes Mal auch bei euch vorbeischaut, die nötige Aufmerksamkeit gewidmet wird. Sie sei dann auch sicherlich nicht so schlimm, wie manch einer ihr unterstellen mag. Sie will doch auch nur verstanden werden. Und ein bisschen Gesellschaft.

Irgendwann hat sie dann genug geschlürft und geschnieft und geseufzt und geschimpft. Sie bedankt sich für den Tee und gehe dann mal wieder.

Als ich ihr zum Abschied winke, wirkt sie fast ein bisschen leichter als zuvor. War gar nicht so schlimm, dieser Besuch. Immerhin habe ich mein Buch weitergelesen. Und Tee getrunken, so ganz gemütlich. Wer weiß, wann ich das in der Form erst wieder getan hätte.

(Bild von lisa runnels auf Pixabay. Danke dafür!)

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