Ach du liebe lange Weile!

Überall ist in den Nachrichten und um mich herum die Rede davon, nichts mehr machen zu können. Als wäre man plötzlich gefesselt und geknebelt in einen Raum gesperrt worden, in dem niemand sitzt außer ich selbst mit meiner Angst vor Nichtsnutzigkeit.

Haben wir bis vor kurzem noch davon gesprochen, die Welt sei zu schnell für uns, wir müssen uns Pausen nehmen, auf uns achten und endlich mal verschnaufen, ist uns dieser Zustand, der gerade eingetroffen ist, zu viel. Wir erleben ihn nur als Kontrollverlust. Warum? Ich schätze, wir haben verlernt, uns zu langweilen. Dinge einfach sein zu lassen, im Kleinen das Große zu sehen.

JETZT IST DIE ZEIT

Wie wäre es, diese lang werdende Zeit zu genießen? Aus dem Fenster zu starren und herumfliegende Blätter zu beobachten, die Bewegungen der Bäume, den fallenden Regen? Gedanken schweifen zu lassen wie Wolken, wie wir es sonst in Meditationen unter höchster Anstrengung erlernen müssen?

Angeblich ist unser Gehirn für die Masse an Informationen, die wir in unserer digitalisierten Welt täglich aufnehmen gar nicht geschaffen. Und dennoch haben wir uns daran gewöhnt. Das Handy scheint die einzig sinnvolle Beschäftigung zu sein, was gibt es denn sonst auch noch? So viel, so viel …

Endlich dürfen (!!!) wir lange Weilen haben. Momente, die sich ausdehnen dürfen, weil keine Unterbrechung droht, nichts verpasst werden muss. Atmen. Schauen. Hören. Fühlen.

Als Kinder kannten wir Langeweile gar nicht. Wir konnten uns auch mit Nichtstun begnügen. Und dann wieder die dollsten Dinge erfinden, unsere Vorstellungskraft ist doch eigentlich so groß, wir müssen sie nur wieder reaktivieren, dürfen träumen und uns kreativ austoben. Lesen im Kopfstand? Sport auf kleinstem Raum? Tagträume und Gedankenspiele?

So fatal der Virus für viele Menschen ist, so sehr bietet er uns vielleicht die Möglichkeit, neu zu denken. Nachzuspüren was wir lange nicht zugelassen haben, die Seele nachholen in dieser sonst so hektischen Welt. Ich gebe zu: Auch für mich eine Herausforderung! Aber ich merke eine Art innere Freude über die derzeitige Unplanbarkeit und die Herausforderung, mich mal wieder zu langweilen. Denn egal wie viele Möglichkeiten ich zuhause herumfliegen habe: Manchmal habe ich einfach keine Lust zu lesen oder schreiben oder fernzusehen. Und dann? Ressourcen erschöpft? Oder mache ich es wie die Kinder, mit denen ich gerade arbeite – die Situation nehmen wie sie ist, einfach mal Spielsachen beiseite lassen und nur aus dem Fenster starren? Wer weiß, was ich da noch so alles neu sehen lerne …

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