Unter den Schichten

Was bedeutet es eigentlich, Ich zu sein? Wer ist dieses Ich? Ich bin: alle meine Rollen zusammen. Tochter, Schwester, Freundin … Und sonst? Wenn ich mit mir alleine bin, keine Rolle in dem Sinne erfülle (was ganz automatisch passiert und gar nichts Schlechtes ist), dann bin ich das Darunter. Das Ich mit ganz persönlichen und intimen Wünschen, mit Ängsten, Zweifeln und Freuden, mit einer Energie, aus der heraus ich alles bewältigen kann, was ich bewältigen möchte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Energie riesengroß ist, ich sie aber gar nicht voll zulasse. Als würde ich mir selbst ein Stopp-Schild setzen, über das ich nicht wage, überzutreten. Warum? Kann Größe Angst machen? Wahrscheinlich deutlich mehr als ich dachte. Bin ich nicht eingebildet zu glauben, in mir stecke etwas Großes? Wer sollte ich schon sein und warum sollte ich mir herausnehmen, mich als jemand zu sehen, die ganz viel kann, die groß sein kann? Richtig: Es macht Angst. Angst davor, abgestempelt zu werden, Angst davor, Menschen zu vergraulen, Angst davor, zu versagen. Angst davor, viel mehr zu sein, als ich dachte. Größe macht Angst.

Deshalb machen wir uns lieber klein. Mit Größe meine ich übrigens kein Sich- Aufspielen oder Angeberei. Ich meine damit eine riesige Kraft in uns, dir wir für all das nutzen dürfen, was wir umsetzen möchten. Nicht das, was wir müssen, weil es von uns verlangt wird, sondern das, was wir möchten, weil wir spüren, dass es das Richtige wäre, weil es sich gut anfühlt und uns irgendwie zieht.

Projekte, die uns übermächtig erscheinen, „zu groß für mich“, von denen wir aber heimlich träumen. Nachts, wenn keiner meine Aufmerksamkeit verlangt oder in Tagträumen, während ruhiger Momente. Ideen, die wir immer wieder wegschieben, weil: „Das kriege ich nie organisiert, wer bin ich schon“, anstatt uns zu informieren, wer mir dabei helfen könnte. „Das ist zu groß für mich“ – ein Glaubenssatz mit großer Wirkung. Der Wirkung des Nicht-Geschehens.

Wie wäre es zur Abwechslung mit diesem hier: „Ich kann das schaffen, wenn ich mir die richtige Hilfe dazu hole“?

Wir scheinen dem Trugschluss zu unterliegen, alles alleine und aus eigener Kraft bewältigen zu müssen. So tun wir am Ende eher nichts, als uns diejenigen Menschen zu suchen, die uns dabei unterstützen, durch ihr Wissen und ihre Erfahrung zu unserem Ziel verhelfen könnten. Einen tollen Ansatz darin sehe ich in den Co-Working-Spaces, die gerade überall aus dem Boden schießen. Dort treffen sich Menschen mit Ideen (vor allem für Start-ups), die sich vernetzen und gegenseitig in ihrer Arbeit befruchten. In einem „Ich muss das alleine schaffen“ steckt eigentlich viel mehr Ego als in einem „Ich kann alles schaffen – mit der richtigen Hilfe durch andere“. Hinterfragen wir unsere Ausreden doch einfach mal: Warum winke ich eine bestimmte Idee immer wieder ab? Wovor habe ich Angst? Und wer kann mir dabei helfen, diese Angst kleiner zu machen? Ich für meinen Teil möchte es gerne etwas mehr versuchen und vielleicht möchte sich der ein oder die andere gerne davon inspirieren lassen. Fangen wir an zu spielen, machen wir uns frei und seien wir leuchtend und groß!

Aber was, wenn ich scheitere? Aufstehen, pusten, Anlauf nehmen. Zu oft bewerten wir unsere Fehler als negativ, dabei sind sie es, aus denen wir das allermeiste lernen. Und ja, wir dürfen Angst haben, wer ist schon komplett frei davon? Die Frage ist nur, ob wir uns durch sie begrenzen wollen und lieber klein bleiben. Wenn ja, dann ist das okay. Wenn aber eigentlich nein: „Wenn es Angst macht, ist es vielleicht einen Versuch wert.“ (Postkartenspruch 😉)

Ich persönlich habe mein Stopp-Schild noch nicht übertreten. Und gefühlt gibt es ganz viele dieser rot-weißen Schilder, die ich mir selber gesetzt habe und die hier und da neu aufploppen. Aber genau dieses Bewusstsein hilft mir vielleicht dabei, eines nach dem anderen hinter mir zu lassen, es abzubauen und wieder ein Stückchen meiner Energie zuzulassen und auszuleben. Wenn ich „groß sein“ nicht mehr mit Unmöglichkeit oder Überheblichkeit assoziiere, sondern mit „zulassen, was alles in mir steckt und Ich sein“, dann klingt es doch gleich viel schöner. Dann hat auch nichts mit Ich-Bezogenheit zu tun; es geht dabei um Ehrlichkeit.

Dass ich diese Gedanken endlich so zu Papier bringen konnte, verdanke ich der lieben Antje und ihrem inspirierenden Podcast. Ihr könnt diesen (und auch viele andere Inspirationen) finden unter: https://soundcloud.com/antje-renz-765170753/energytwister-podcast-folge-34

(Bild von Pexels auf Pixabay)

Comments

Laura
19. August 2019 at 16:24

Sehr aufmunternden Gedanken! Die machen richtig Lust auf ein neues Abenteuer… Es ist schön, solche Worte zu lesen! 😘



Kathrin
19. August 2019 at 23:23

„Ich habe rs noch nie zuvor versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“

Pippi Langstrumpf

Wir sollten alle mehr wie Pippi sein!



Jens
20. August 2019 at 16:34

Super schöner motivierender Text Nina :* Ich hab beim lesen schon direkt mein größtes Stopschild vor mir gesehen. Tja das werd ich dann mal mit vollgas umfahren ;D



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