„Gib dein Bestes und überlass Gott den Rest.“

Ich habe gerade ein sehr inspirierendes Buch gelesen: „Mein Leben ohne Limits. Wenn kein Wunder passiert, sei selbst eins“ von Nick Vujicic. Der Mann kam ohne Arme und Beine zur Welt und zieht mittlerweile als Redner und Missionar um den Globus. Er macht Menschen Mut, sich selbst anzunehmen und ihr Leben so zu leben, wie sie es sich erträumen. Die Barrieren zu überwinden. Sich selbst diese Träume zu erlauben und dann wirklich etwas dafür zu tun. Er selbst, das kann man sich wohl vorstellen, hatte eine Menge Barrieren zu bewältigen. Aber er ist ein absoluter Sportfreak, geht Tauchen, Surfen oder Skateboarden, hat mittlerweile eine eigene Familie gegründet. Es ist beeindruckend zu lesen, wie er mit Biss von Anfang an daran gearbeitet hat, genauso zu leben, wie alle anderen auch. Er redet dabei ganz viel von seinem starken Glauben an Gott. Mehr und mehr wird dieser für mich so mysteriöse Gott zum Thema. Uff, dachte ich mir immer wieder, ist nämlich gar nicht so meins, jedenfalls nicht, wenn es um diesen christlichen Wohltäter-Gott geht.

Und es kommt die Stelle, an der es mir zu viel wird: Nick redet davon, wie er mitten im Slum von Bombay eine ehemalige Zwangsprostituierte davon überzeugt, dass das Leben mehr für sie zu bieten hat, als sich Männern hinzugeben. Das Mädchen, mittlerweile zwanzig, aber dem Aussehen nach schon doppelt so alt, wurde mit zehn Jahren verkauft und musste drei Jahre lang durch das Empfangen von Freiern ihre Schulden abbezahlen. Danach blieb sie wie wohl so viele dabei, weil sie gelernt hatte, nichts wert zu sein und überzeugt davon, nichts anderes zu können. So, und dann kommt der gute Nick an und redet von diesem ominösen Gott, und dass er alle liebt und auch sie und dass er für jeden einen Plan hat. Und das Mädchen schöpfte Hoffnung, strahlte und schmiss die Prostitution hin und lebte glücklich bis an ihr Aids-Lebensende. Gut, etwas übertrieben dargestellt. Irgendwie wurde ich sauer und dachte nur Ja klar du Gutmensch, du kommst da hin und sagst „Papa Gott liebt dich und hier ist diese Hilfsorganisation“ und schon ist alles gut. Ich klappte das Buch zu – und kam ins Grübeln. Der Kerl ist mittlerweile sehr bekannt. Ich habe Videos von ihm gesehen und es ist wahr: die Leute liegen ihm weinend in den Armen (beziehungsweise an die Schulter gelehnt).

Nick selbst ist überzeugt davon, es sei Gottes Plan gewesen, ihn ohne Extremitäten auf die Welt zu schicken. Um an ihm ein Wunder zu zeigen. Um die Menschen zu erreichen. Denn wenn er davon spricht, dass er es auch schwer hatte, nimmt man ihm das sofort ab. Nick glaubt so fest daran, dass er eine unglaubliche Kraft daraus zieht.

Der jungen Frau in Bombay gibt er das Gefühl, geliebt und umsorgt zu werden. Er gibt ihr somit Hoffnung auf ein Mehr im Leben. Weil es jemanden gibt, der sie so liebt, wie sie ist, mit all ihrem „dreckigen“ Schicksal. Und er gibt ihr die Hoffnung darauf, dass ihr Leben einen Sinn hat. Es machte klick bei mir. Wow!

Und plötzlich habe ich das Gefühl, das Mysterium Glaube etwas mehr zu verstehen. Glaube gibt den Menschen Hoffnung und daraus wiederum Kraft. Wenn es niemanden mehr gibt, dem wirklich etwas an uns liegt, ist es doch gut, das Gefühl zu haben, immerhin Gott tue es. Wir erschaffen uns eine Kraftquelle, die es uns erlaubt, unsere tief liegenden Reserven hervor zu holen: „Weil es einen Sinn für mich gibt.“ Wir kreieren etwas Nicht-Existentes und machen es somit existent, durch unseren Glauben. Ist das nicht absolut genial? Damit will ich nicht sagen, Gott gäbe es definitiv nicht. Ich denke, dieser „Gott“ kann alles sein, eben alles, woran wir glauben. Und wir haben die Fähigkeit, uns dieses „Alles“ zu erschaffen und uns somit eine Kraft, die wir im Stande sind, uns selbst zu geben. Denn im Grunde genommen ist Glaube das Bündeln seiner eigenen, inneren Stärke. Aber Menschen scheinen etwas zu brauchen, das diese Kraft freisetzt, wir brauchen das Gefühl, es hätte einen Sinn und etwas oder jemand stehe hinter uns. Indem wir uns einen Gott erfinden, schaffen wir es, diese Stärke auszuleben, zuzulassen. Sie zu rechtfertigen.

Leider rechtfertigen viele Menschen dadurch auch ihre Schandtaten, weil sie sich ebenfalls einreden, ein Gott gebe ihnen die Berechtigung dazu. Und hier liegt für mich der große Unterschied zwischen Glaube und Religion. Durch Gottesinstitute wird der Glaube in ein System aus Regeln und Konformitäten gepresst. Vielleicht ist es die Kraft der Gemeinschaft, die den menschlichen Glauben in eine Religion verwandeln lässt. Das Verlangen nach Austausch und Gleichgesinnten und noch mehr Rechtfertigung, wenn andere an dasselbe glauben. Dann muss es ja stimmen. Vielleicht übersehe ich da aber auch Aspekte.

Was mir die Reaktionen auf Nick Vujicics Mut machendes Vorgehen jedenfalls gezeigt hat ist, dass in jedem von uns sehr viel mehr steckt, als wir zu glauben bereit sind. In uns steckt ein riesiger Batzen an Energie und wir dürfen ihn frei setzen!

In jedem von uns steckt ein riesiges Potenzial, so viele Ideen und Kreativität und Mut. Ich finde es immer wieder schade, wie wenige das in sich sehen. Aber es ist da, wir dürfen es ausschöpfen und einen Scheiß drauf geben, was der Rest davon denkt. Also: Wer ist dabei?

„Je größer die Herausforderung, desto stärker wird der Charakter.“ (Nick Vujicic)

(Eingangsbild von Sasin Tipchai auf Pixabay)

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