Eine Frau ist nicht ihre Vagina!

„Na, magst du eben mit reinkommen?“ Es ist ein Uhr nachts und der fremde ältere Mann wartet vor seiner aufgeschlossenen Haustür. Hanna* wechselt die Straßenseite und läuft weg.

Letztes Jahr ist hier aus Leipzig eine junge Frau beim Trampen einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen.

Als ich kurz darauf selber mit einer Freundin von Berlin nach Leipzig trampe, werden wir von Frauen gefragt: „Mensch, was macht ihr denn? Habt ihr das nicht von Sophia gehört?“

Vor einiger Zeit wurde eine Frau in einem öffentlichen Park von zwei Männern am hellichten Tage vergewaltigt. „Ich geh mittlerweile nicht mehr alleine joggen.“ So eine Kollegin aus dem Sport. „Bei dem, was momentan abgeht, muss man richtig aufpassen.“

Kerle, die in Bars oder Discos ganz selbstverständlich den Hintern fremder Frauen betatschen. Wofür ist er denn sonst da?

Ist es wirklich das Trampen oder die Kleidung? Ist man als Frau allgemein ein potenzielles Opfer mit der unsichtbaren Aufschrift „vogelfrei“?

Ich bin tierisch genervt davon, als Frau den Status gefährdet mit mir herumzuschleppen, weil es Männer gibt, die im weiblichen Geschlecht eine wandelnde Vagina zu sehen scheinen, das mit seinem Körper generell provoziert. Was soll das?! Wenn ein Mann ohne Shirt herumläuft, passiert nichts. Läuft eine Frau nur leicht bekleidet herum, so muss sie sich auf abfällige und widerwärtige Kommentare einstellen. Frei nach dem Motto: selber Schuld. Das schwingt immer mit, diese Wertung, man wolle ja provozieren, man fordere es heraus.

Ich habe es satt, mir ständig Gedanken darüber machen zu müssen, ob ich dieses oder jenes anziehen kann, ob ich mich nett unterhalten kann, ohne gleich eine angeblich offensichtliche Einladung zum Sex zu geben, ob ich frei nach Schnauze los reisen kann, ohne mir vorher am besten noch einen Keuschheitsgürtel zu besorgen. Ich fühle mich in dieser angeblich so freien Gesellschaft gar nicht so frei, nicht einmal hier in Deutschland. Und um das vorweg zu nehmen: Ich will hier keine Gedanken über ausländische Mitmenschen oder Einwanderer betonen. Es geht mir um ein allgemeines Verständnis des Miteinanders und des Respekts. Und ich als Frau fühle mich häufig in meiner Freiheit eingeschränkt, fühle mich als Mensch nicht akzeptiert, sondern degradiert auf mein Geschlecht. Ich bin niemand, der besonders auf die Gleichheit von Mann und Frau (und allem dazwischen) pocht, denn wir sind nun mal körperlich nicht gleich. Aber auch ohne Gleichheit kann Gleichberechtigung herrschen und Respekt dem Menschen gegenüber.

Wie häufig haben Opfer das Gefühl der Mitschuld? Weil es in unseren Köpfen verankert ist. Es sind diese Glaubenssätze, wir selber trügen die Verantwortung dafür, andere mit unserem Körper zu provozieren. Dabei liegt die Schuld beim Täter, und nur bei ihm, dessen Triebe überhand nehmen. „So wie du rum läufst, brauchst du dich nicht wundern, wenn dich jemand anfällt.“ Gäbe es ein allgemeines Verständnis, dass Frauen keine Sex-Objekte sind, wäre auch die Kleidung egal. Hätte, wäre, könnte. So viel Konjunktiv.

Und nun höre ich sie schon, die Stimmen, die sich protestierend erheben und sagen: Aber so viele Frauen und Mädchen machen sich doch selbst zum Objekt! Durch knappe Kleidung auf gestellten Facebook- und Instagram-Fotos, in provokanten Posen und das gezielte Aufzeigen ihrer körperlichen Reize. Ja, stimmt. Doch frage ich: Ist dieses Phänomen nicht eher ein Resultat dessen, wie wir Weiblichkeit in unserer Gesellschaft behandeln? Dass diese jungen Mädchen das Gefühl haben, nur über ihren Körper Aufmerksamkeit bekommen zu können?

Die Kultur ist männlich, und alles Fremde ist das Nicht-Eigene, das Nicht-Männliche. Der Sieger ist männlich, und auch wenn der Besiegte männlich ist, wird er aufs äußerste gedemütigt, da man ihn zur Frau macht, zum Weiblichen, zum Verweiblichten, man denke nur an die berüchtigten Folterfotos aus dem Abu Ghraib-Gefängnis, wo die männlichen Opfer als Frauen benutzt werden und einander gegenseitig benutzen müssen, während der Frau die Rolle des Mannes zugespielt wird, aber natürlich muß sie sie auch wieder abgeben, diese Rolle, die ihr ja nicht zusteht; (Elfriede Jelinek: Das weibliche Nicht-Opfer. Frauen im KZ.)

Es gibt viel Gewalt auf dieser Welt, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zur Gewalt an Frauen: es handelt sich fast immer um sexualisierte Gewalt. Es scheint, als sei das „Schwarze Loch“ (Jelinek) der Frau eine Aufforderung, es zu benutzen, als wäre das überhaupt der Sinn ihrer Existenz, die Frau, die Vagina.

Was wäre, wenn Frauen Penisse und Männer Vaginas hätten? Was wäre, wenn wir in einer frauendominierten Gesellschaft lebten, die sich damals anstatt der männerdominierten etabliert hätte? Wäre es anders herum, gäbe es ähnliche Probleme? Oder vielleicht gar keine in dieser Richtung? Was wäre, wenn Frauen mehr Muskelmasse aufbauen könnten, als Männer, wenn sie nicht mehr die körperlich schwächere Veranlagung besäßen? Fragen, Fragen und noch mehr Fragen, die eine Freundin und ich uns in Gedankenspielen stellten. Nur eine Lösung für das Problem, die haben wir leider nicht. Dafür den Willen, uns nicht komplett einzuschränken durch das, was viel zu oft passiert. Wir Frauen sind nicht dafür da, um benutzt zu werden. Das gilt es zu vertreten, daran gilt es festzuhalten und darum lohnt es sich zu kämpfen.

*Name geändert

(Bild von Gerd Altmann auf Pixabay)

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