Zwischen „Alter, ich bin ein Gott!“ und „Äh, stammel stammel … what?“

Zwanzig Teenager auf Sprachreise in Malta. Zwanzig tickende Hormonbomben, zwanzig zwischen Unsicherheit und Übermut pendelnde Wesen, zwanzig Katastrophen. Na gut, Minikatastrophen.

Vor zwei Wochen kam ich nach Malta, um diese Gruppe junger Heranwachsender in ihrer Freizeit zu betreuen, zu sehen, dass alle in die Schule kommen, bei Problemen mit Gastfamilien zu unterstützen und zwischendrin mit Animation und Ideenreichtum der Langeweile vorzubeugen. Da ich quasi aus der Messehalle auf die Insel gestolpert bin, kam ich ohne Kenntnisse der Region und der Schule an. Kaltstart. Aber hey, wird schon werden, dachte ich mir und ließ mich einfach darauf ein.

Und wie es immer so ist, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann, schwemmen die Notfälle in Sturzbächen herein. Da ging direkt am ersten Schultag ein Kind verloren und ich renne eine Stunde durch Sliema, beziehe die Leute auf der Straße mit ein, Ausschau zu halten und wo war der Kerl? Im Nebengebäude, die ganze Zeit …

Dann gibt es eine Komplikation nach der anderen mit einer zu weit entfernten Gastfamilie, die Mutter, ebenfalls auf Sprachreise, beschwert sich, sie habe doch extra mehr Geld bezahlt und überhaupt, warum geht es nicht soundso? Das Schulteam und ich arbeiten eng zusammen, versuchen die immer hysterischer werdende Frau mit Humor zu nehmen und sie irgendwie zufrieden zu stellen, nebenher die Schülerausweise fertig zu stellen, die Kids zusammen zu halten und noch ein Abendprogramm hervorzuzaubern.

Dann wurde meine Kollegin, die zweite Teamleiterin, nach drei Tagen so krank, dass sie die Rückreise nach Deutschland antreten sollte. Wo so schnell Ersatz her bekommen? Gut, dass die Praktikanten hier so flexibel waren und eingesprungen sind. Dann, nach vier Tagen denke ich abends um halb zwölf noch: Jetzt wird es endlich etwas ruhiger. Da kommt der nächste Anruf, laut schluchzend, „ich habe meine Tasche verloren, da ist mein Ausweis und komplettes Geld noch drinnen.“ Ich also wieder angezogen, los mit der Spezialistin zur Polizei gestiefelt und das ganze erklärt. Die Polizisten ließen sich ihre Entspanntheit nicht nehmen, flachsen nebenher mit ihren Kollegen übers Funkgerät und lachen sich schlapp, „äh und was ist nochmal passiert?“. Ich versuche, nicht an mein Bett zu denken und dass ich schon seit zwanzig Minuten wieder darin liegen könnte, wenn der Kerl endlich seinen Job erledigen würde. Einatmen, Ausatmen. Morgen gibt’s Sonne. Die Tasche wurde übrigens wieder gefunden, zwar ohne Bargeld, aber mit Ausweis und Bankkarte. Damit konnten wir uns den Gang zur Botschaft ersparen.

Zugegeben, ich kam wieder etwas an meine Grenzen, was wohl hauptsächlich daran lag, dass die zwei Messen vorher mich schon geschlaucht hatten und ich nicht mit 100 Prozent starten konnte. Selbst schuld, stimmt. Aber wieder einmal weiß ich, es geht, wenn auch manchmal scheiße, aber es geht;-)

Und ich bin froh, diesen Job angenommen zu haben. Egal, wie unterbezahlt ich war, ich habe einen großen persönlichen Gewinn davon getragen. Die Arbeit mit Jugendlichen macht mir unglaublich viel Spaß und nie habe ich das so intensiv erlebt, wie in diesen zwei Wochen. Sie sind lustig, inspirierend, übermütig und versteckt so viel weicher, als sie zugeben wollen.

Teenie: Nina, machen wir auch mal was Cooles?

Ich: Wir waren gerade am Strand, ist das nicht cool?

Teenie: Alles voll boring man.

Ich: Du Armer, ich an deiner Stelle würde mein Leben auch hassen.

Teenie: Ja man … Aber hey voll geil das Meer ey. Können wir öfter machen.

Ich: …

Zugegeben, ab und zu hätte ich gern den ein oder anderen ins Wasser geworfen und gesagt: „Schwimm nach Hause.“ Es ist manchmal nicht leicht, die Balance zwischen streng und locker zu finden, den Drang zum Ausbrechen der Teenies zwar verstehen zu können, aber an die eigene Verantwortung erinnert zu werden, die man für die ganze Gruppe trägt. Auch, wenn mein Einfluss irgendwo aufhört und ich einfach hoffen muss, dass die Kids nicht zu viel Mist bauen, wenn ich ihnen einen gewissen Freiraum gebe. Kann ja schlecht alle an der Hand nach Hause bringen und wozu auch? Etwas Raum fürs Austesten sollte irgendwie da sein und da rufe ich ihnen immer wieder ins Gedächtnis, dass ihr Blödsinn am Ende an mir haften bleibt und sie haben tatsächlich ein schlechtes Gewissen (yes!). Glücklicherweise gab es keine Alkoholleichen (oder sie haben es gut kaschiert, ich habe aufgeschnappte Stories mal gewissenhaft ignoriert) und ich musste keine jetzt-müsst-ihr-alle-leiden-Konsequenz ziehen. Phu!

Es war eine anstrengende aber tolle Zeit und nun kann ich die nächsten zehn Tage nochmal ganz entspannt nutzen, um die Insel alleine zu erkunden. Und damit komme ich zu der nächsten Aufgabe, die ich mir stelle: Ich habe hier 250 Euro verdient und werde nicht mehr als diesen Betrag ausgeben! Hostelzimmer sind hier unter 30-40 Euro die Nacht kaum zu kriegen, das Essen hat vergleichbare Preise wie in Deutschland. Ein paar Nächte habe ich schon sicher durch Airbnb und Couchsurfing, ich hoffe noch auf die restlichen. Im Notfall habe ich meinen Schlafsack dabei und hoffe auf warme Nächte am Strand;-)

(März 2018)

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