Von der Schwierigkeit, zurückzukommen

Kennst du das? Du hattest einen wunderbaren Urlaub, hast vielleicht tolle Leute kennen gelernt, neue Orte gesehen und Erfahrungen gemacht, die Seele entspannt – und sitzt auf einmal wieder Zuhause in deinem Zimmer. Mit den vertrauten vier Wänden und dem Ausblick auf Pflichten, die erfüllt werden wollen. Ein Gefühl des Unwohlseins, der Traurigkeit, dieses leichte Ziehen in der Magengrube – aber warum? Man hatte doch gerade so eine schöne Zeit… Bienvenido, oh After-Urlaubs-Depression!

Ich war gerade wieder fünf Tage wandern, habe diesmal den Camino del norte gemacht, einen Teil des Jakobsweges. Entlang der Nordküste Spaniens startete ich in San Sebastian (eigentlich beginnt er in Irun, also etwas vorher) und lief bis Gernika, kurz vor Bilbao. Ich habe mir mehr Zeit gelassen, als ich eingeplant hatte. Aber ich wollte nicht schon Sonntag zurück, wollte die Klippen in Zumaia genießen und den ein oder anderen Ort etwas genauer erkunden; wollte nicht einfach durchhetzen, um die Strecke in der vorgegebenen Zeit zu schaffen. Aber früher abbrechen ging auch nicht, weil – naja, das sportliche Ego.

 Ich bin dankbar für die Menschen, die ich getroffen habe, die mir aus ihrem Leben erzählt und mich einen Teil meiner Reise begleitet haben. Da ist Daniel, der 70jährige Franzose, der sich eine Wagenkonstruktion gebaut hat, um seine Gitarre immer dabei zu haben. Jeden Abend spielt er zwei Stunden, gibt mir ein Privatkonzert allererster Sahne. Er hat auch ein Segelflugzeug konstruiert und gebaut, acht Jahre hat er daran gebastelt, bis es flog. Zum Beweis trägt er ein Foto mit sich, auf dem der rot lackierte Metallvogel zu sehen ist.

Daniel, 70 Jahre, leidenschaftlicher Erfinder für Fortbewegungsmittel jeglicher Art
Daniel, 70 Jahre, leidenschaftlicher Erfinder für Fortbewegungsmittel jeglicher Art

Auch A.G. aus Japan, 65 Jahre, läuft 20km mit mir. Er erzählt von seiner Katze, die leider gestorben ist – wieder ein Foto, sie scheint ihm viel bedeutet zu haben. Ich lerne, dass es auf Japanisch verschiedene Wörter gibt für Blätter, die noch am Baum hängen und die, die schon herabgefallen sind. A.G.s Blick schweift in die Ferne, als er von Erinnerungen aus seiner Kindheit erzählt. Das Sammeln von heimischen Früchten im Wald mit Freunden oder dem großen Bruder. Und er lacht, als er hört, ich sei die Älteste in der Geschwisterreihe. „My wife too. Women who are the first born are always the best choice my father said.“ Danke für die Blumen 😉 Die Kommunikation ist nicht immer leicht, sein Englisch ist mäßig und mein Japanisch gleich Null. Aber irgendwie verstehen wir uns doch, lachen viel zusammen. Wenn ich in 40 Jahren auch noch so fit bin, habe ich es richtig gemacht.

Ich habe das Glück, Lauren aus den USA zu treffen, mit der ich unter dem Sternenhimmel schlafe und über die Energie im Universum diskutiere; Jorge aus Madrid mit dem Leuchten in den Augen und der junge Mann aus Braunschweig, der den Weg einfach als sportliche Herausforderung betrachtet. „Ich hab kein Problem von wegen ‚Oh Gott, ich bin verwirrt‘ oder so“. Sie alle schenken mir ihre Geschichten, ihre Erfahrungen und nehmen gleichzeitig etwas von mir mit. Es ist ein Austausch, der so viel Energie gibt, so viele neue Impulse transportiert. Mit dieser Energie wandere ich durch die Natur, bezwinge steile Berge, die bei Regen teilweise unmöglich zu bewandern sind, sauge den Duft des Holzes um mich herum auf, lausche dem Säuseln und Rauschen der Bäume, den Wellen des Meeres und den knirschenden Schritten meiner Füße.

Zumaia

Auch jetzt noch rieche ich das Meer, spüre die wärmende Sonne, höre Daniel fröhlich lachen, weil ich zur besseren Verständigung übertrieben groß gestikuliere.

Aber zurück im „normalen“ Leben fühle ich mich nie ganz verstanden. Weil man ein Gefühl schlecht spürbar machen kann, weil man Erfahrungen zwar erzählen, aber nicht übertragen kann. Das ist wohl der Fluch des Urlaubs, man muss immer irgendwann zurückkommen. Am besten plant man gleich den nächsten!

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