Schwankend auf dem Kreisel des Lebens

Ich habe mich zurückgezogen, auf eine kleine Insel im Norden Maltas, Gozo. Hier finde ich endlich wieder Ruhe und Natur, ohne diesen permanenten Straßenlärm der maltesischen Ostküste. Ich sitze stundenlang im Feld und höre dem Meer zu, das wild entschlossen gegen die Felsen prescht. Ich laufe ziellos umher und sauge den Duft der Insel in mir auf: Kamille. Vor mir ausgebreitet ein Meer aus wilden Blumen, am Horizont das Meer aus vielen, blauen Tropfen. Alles ist irgendwie weit.

Ich bin viel mit mir allein und brauche das auch. Denn wenn ich längere Zeit keine Möglichkeit finde, mich mit mir selbst und wichtigen Themen auseinander zu setzen, dann kommt es im nächstbesten Moment. Verdrängung war noch nie meine Stärke. Da flattern die Geister der Vergangenheit wieder auf, von oben stürzen die Fragen der Zukunft herab und in der Mitte stehe ich auf dem Kreisel des Lebens und bemühe mich angestrengt um die Balance.

Mich überfiel in den letzten Tagen eine seltsame Traurigkeit – über Dinge, die damals gelaufen sind, wie sie eben gelaufen sind. Und über den fehlenden Mut, mich dem zu stellen. Bisher. Über das Wirrwarr in meinem Kopf, darüber, was und wohin ich eigentlich will, welches der hundert erdachten Projekte zuerst, und was mehr davon als alles andere?

Es ist doch immer das gleiche Spiel. Wir müssen balancieren, austarieren. Jede Veränderung, der wir uns hingeben, in die wir uns bereitwillig hineinstürzen, lässt uns aufs Neue tanzen, bringt neuen Schwung in den Kreisel. Und diese Veränderungen können von außen oder von innen kommen.

Aber manchmal, in wenigen wertvollen Momenten, kann der Kreisel sich drehen wie er will – wir stehen fest und sicher in der Mitte, nichts bringt uns ins Schleudern. Diese Momente, mal nur für ein paar Minuten, mal für ein paar Tage oder Wochen, sind so großartig! Nie ist man sich seiner Selbst so sicher und allem, was man an Ideen mit sich herum trägt. Nie spürt man diese unglaubliche Energie so stark, die in einem waltet. Vielleicht kennt ihr das auch? Ich denke gerne daran, um mir klar zu machen, dass es wieder kommt, vielleicht mal zwischendurch, wie ein Zuwinken durch die Tür hindurch. Möglicherweise bleibt es sogar zum Tee, oder noch länger. Bis dahin balanciere ich eben stärker aus und gebe mich dem Sturm des Lebens hin. Denn Leben ist Veränderung, wer nicht schwankt, erlebt Stillstand. Zu schwanken bedeutet zu lernen. Und daher bin ich froh, balancieren zu können und möchte jedem von euch Mut machen, der vielleicht ebenfalls mal wieder ins Schwanken geraten ist.

Ist es nicht wunderschön, dass wir uns immer wieder neu erfinden können? Wenn wir nur einmal diese verdammten inneren Barrieren ablegen würden und uns egal wäre, was andere von uns denken. Denn die anderen müssen nicht in unserer Haut glücklich sein, sondern wir selbst. Es scheint so schwer, es ist so schwer, wir machen es uns schwer!

Ehrlichkeit gegenüber sich selbst ist immer noch eine der schwierigsten Aufgaben …

(März 2018)

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