„Ich habe mir die Hemmungen einfach nicht erlaubt“

Als ich Tycho das erste Mal in seinem Feinkostladen sah, wusste ich sofort: der kommt nicht von hier. Wir Ausländer erkennen uns. Für Spanien zu hell, zu blond, zu anders.

Tychos einladendes Lächeln lotste meine französische Klassenkameradin und mich direkt in sein Delikatessenzentrum. Wir mussten für den Spanischkurs eine Umfrage in der Markthalle durchführen: typische Speisen und Gerichte aus Spanien herausfinden. Und Jackpot! Nicht nur, dass er uns beinahe jede Frage beantworten konnte, das Ganze funktionierte sowohl auf Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch! Aber fast alle Sprachen mit leichtem Akzent, daher fragte ich mich: woher kommt er eigentlich?

„Ich komme aus Belgien, habe aber 15 Jahre in Deutschland gewohnt.“ Wo? „Leipzig, Dresden, Görlitz, Gera“. Was er da gemacht habe? Er sei Tänzer gewesen und habe an den Theatern gearbeitet. Wow, okay: ein Belgier, der in Deutschland lebte und nun im Baskenland leckere Speisen verkauft. Das hat mich neugierig gemacht und ich bin ein paar Tage später wieder in den Mercado spaziert, um mehr zu erfahren. Einfach mal drauf los gefragt:

Wie bist du zum Tanzen gekommen?

Mit Fünfzehn hat mich die Ballettlehrerin meiner kleinen Schwester gefragt, ob ich nicht mal zu einer Probestunde kommen wollte. Ich habe in der Tanzschule bei Veranstaltungen ausgeholfen und kannte die Leute ganz gut.

Und wie war die erste Stunde?

Es war eine Katastrophe! Ich habe mir die Schläppchen und alles von den Freundinnen meiner Schwester zusammen geliehen. Es war ein komisches Gefühl sich so anzuziehen. Als ich in den Saal kam, konnte sich meine Schwester das Lachen nicht verkneifen. Aber das Tanzen hat Spaß gemacht und meine Lehrerin meinte, wenn ich hart an mir arbeite, könnte ich die Aufnahmeprüfung für die Tanzschule probieren. Das habe ich gemacht, mit 190 anderen Bewerbern, nach nur vier Wochen Unterricht!

Und was war das Ergebnis?

Die Prüfer hatten auf jeden Fall Spaß. Normalerweise sind die Bewerber zwischen neun und zwölf Jahre alt. Ich war fünfzehn und schon eins achzig groß, dazu noch viel ungelenkiger als die anderen. Es war sehr lustig, als es hieß: „Mach mal diese Übungen“ (Grundübungen) und ich habe geächzt und gestöhnt. Da mussten sie lachen und ich auch. Aber ich wurde angenommen, unter der Bedingung, dass ich noch sehr viel übe. Die anderen Jungs hatten ja schon mindestens sechs Jahre Tanzerfahrung.

Am Ende warst du lange Zeit als professioneller Tänzer unterwegs. Wie war der Weg dahin?

Es war viel harte Arbeit. Um die Basics aufzuholen, habe ich mich zusätzlich am Wochenende in den Ballettunterricht der sieben- bis achtjährigen gesetzt. Da saß ich dann zwischen den ganzen Müttern und habe Rhythmusübungen mitgemacht. Das war schon komisch. Aber ich habe mir die Hemmungen einfach nicht erlaubt. Sonst hätte ich mich niemals getraut, weiterzumachen. Und es war gut so. Wir fingen mit 32 Schülern in einer Klasse an, 14 haben den Abschluss gemacht und ungefähr sechs haben Anstellungen an Theatern bekommen. Am Ende konnte ich lauter lachen (lacht).

Hemmungen, das ist ein gutes Stichwort…

Ja, die muss man abschalten. Wenn man etwas wirklich machen will, dann muss man es versuchen. Ohne auf diejenigen zu hören, die einen davon abbringen wollen. Man muss es versuchen, aber auch realistisch sein und vielleicht einsehen, wenn ein Plan nicht funktioniert – das habe ich mit dem Laden erfahren. Das kann ein schmerzhafter Schritt sein. Die meisten Menschen stellen sich aber die größten Hürden selbstdurch ihren Kopf.

Hast du viel Gegenwind bekommen?

Meine Eltern fanden es erst nicht so toll, Ballett war für Mädchen wie meine kleine Schwester und als Junge war Fußball angesagt. Daran hatte ich auch immer Spaß und war ganz gut, musste mich dann aber entscheiden. In der Tanzschule war ich dann von Menschen umgeben, die das gleiche machen wie ich, da wird es einfach normal.

Für andere Leute ist es oft schwer nachvollziehbar, warum man etwas versuchen will. Aber je mehr Hindernisse man überwinden muss, desto besser lernt man, sich durchzusetzen.

Von Belgien nach Deutschland nach Spanien …

In Spanien war ich schon vorher. Nach dem Abitur habe ich meine Sachen gepackt und vier Monate in Madrid am Theater getanzt. Aber dann hatte ich einen finanziellen Engpass und musste zurück. Ich habe als Kellner Geld verdient, meine damalige Freundin hat einen Vertrag in Leipzig und Dresden bekommen. Da habe ich wieder meine Sachen gepackt und bin mit ihr gegangen. Erst musste ich ein bisschen betteln, damit ich mit trainieren darf in Leipzig; jeden Tag, das war wichtig. Ich habe dann in Görlitz etwas gefunden und dort meine Frau Arantza kennen gelernt. Wir gingen später zusammen nach Gera ans Theater (Anm.: heute Thüringer Staatsballett). Dort kam dann der Wendepunk.

Das klingt nicht gut…

Ach es geht. Ich hatte mir vor einiger Zeit eine Rückenverletzung zugezogen und musste operiert werden. Sie wurde nun immer schlimmer und ich konnte nicht professionell weitertanzen. Gleichzeitig wurde unsere Tochter geboren. Es war also auch sehr schön, denn ich habe Elternzeit genommen (so etwas Schönes gibt es ja in Deutschland) und sehr viel Zeit mit ihr verbracht. Nebenbei habe ich Ernährungsberatung studiert, ich wollte gerne mit Sportlern weiter arbeiten. Dann gab es einen Führungswechsel am Theater und Arantza wollte dort nicht mehr bleiben. Somit beschlossen wir, nach Vitoria zu ziehen, wo sie ursprünglich herkommt. Der Start war aber nicht ganz leicht.

Wieso?

Ich habe Gelegenheitsjobs übernommen, mal hier und da gearbeitet. Richtig tanzen ging ja nicht mehr und in Spanien ist es viel schwerer mit Anstellungen, weil es nicht so eine gute Theaterkultur gibt. Aranzta hat Kurse wie Pilates und Yoga unterrichtet, man lernt ja gut mit dem Körper zu arbeiten.

Wie kam euch schließlich die Idee mit dem Feinkostladen?

Ich habe schon immer gerne und viel gekocht. Nach den Aufführungen habe ich für die ganze Truppe gekocht. Alle kamen und saßen in der Küche, ich stand am Herd – das hat viel Spaß gemacht. Daher sind mir auch gutes Essen und gute Zutaten sehr wichtig. Erst wollten wir ein Restaurant eröffnen, aber es gibt in Spanien so viele Auflagen. Da haben wir uns lieber für einen Laden entschieden, leckere Sachen zu guter Qualität. Wir sind erst einmal durch die Gegend gefahren, haben uns andere Läden und ihre Waren angeschaut, mussten ständig Käse, Wein und Schokolade testen – schrecklich war das (lacht). Wir verkaufen nur, was wir selber probiert haben.

Und es gefällt dir immer noch?

Ja. Mittlerweile biete ich auch Kochkurse und Verkostungen für Käse an. Käse ist mein Spezialgebiet! Es macht Spaß, sich neue Angebote auszudenken. Wir versuchen auch langsam, die Kunden zu mehr Nachhaltigkeit zu ermuntern. Zum Beispiel, dass sie mit ihren Tupperdosen kommen und dafür einen kleinen Rabatt bekommen. Da gibt es noch viele Ideen, aber es braucht Zeit.

Danke für das Gespräch Tycho!

Sehr gerne. Liebe Grüße nach Deutschland, wir werden auch bald wieder dort zu Besuch sein.

Tycho in seinem Feinkostladen corre34

https://www.facebook.com/corre34/

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