Madrid

Ich stolpere aus der Metro und werde von Menschenmassen mitgezogen. Keine Ahnung, wo ich hin muss, aber erstmal reißt der Strom hektisch trippelnder Körper mich mit. Es ist Samstagabend in Madrid. Voll, laut, lebendig. Im ersten Moment  bin ich überfordert mit der Überflutung an Reizen. Vitoria, dieses kleine Baskenstädtchen, hat ja wirklich Dorfcharakter und ist Madrid ist anfangs nur eines: Überfordernd.

Dennoch dauert es weniger als die dreieinhalb Tage, die ich diese Stadt erkunden darf, um mich in sie zu verlieben. Setzt man sich erst einmal vom Touristenstrom ab, kann man die Vielseitigkeit und Gemütlichkeit (ja, tatsächlich!) erleben, die Madrid zu bieten hat.

Über Couchsurfing treffe ich Thomas aus Zürich, der für einen Tag dem Schnee in der Schweiz entflohen ist. Gemeinsam stürzen wir uns in dieses riesige, lebhafte Tier Madrid, schlendern durch die Gassen, lassen uns in einem mexikanischen Restaurant von einem Sombrero besingen und verwöhnen uns mit ein, zwei, drei Sangria, kommen aus dem Reden gar nicht mehr heraus und tanzen uns am Ende mit aller Verrücktheit ins Herz dieser Stadt. „Ihr tanzt, als wäre es die letzte Stunde eures Lebens!“ Madrid hat uns erwischt.

Am nächsten Morgen frühstücken wir in einem bei den Einheimischen recht beliebten Café, das mir meine Mitbewohnerin geraten hat. Obwohl es direkt an der Puerta del Sol liegt, waren kaum Touristen darin. Es ist nämlich nicht nur voll, es ist übervoll. Man wartet, bis ein Fleckchen frei wird, quetscht sich mit Hilfe der Ellenbogen dazwischen und nimmt das Frühstück so im Stehen ein. Hat was, könnte dem ein oder anderen aber zu stressig sein.

Frühstück Madrideño – Hauptsache süß!

Die Sonne scheint und es ist warm in diesem Februar, so warm, dass wir die Jacken ausziehen und im T-Shirt am Fluss entlanglaufen. Hier joggen, spazieren oder skaten die Menschen entlang und entfliehen ein bisschen dem lauten Stadtlärm. Nachdem Thomas sich wieder auf den Weg zum Flughafen gemacht hat, erkunde ich die Stadt weiter auf meine Weise. Heißt: einfach drauf los laufen, mal rechts, mal links abbiegen, je nachdem, wo es mich gerade hin zieht, einfach auf eine der vielen Plazas setzen und den Leuten zusehen. Das Viertel der Universität hat viele alternative Bars und Cafés, das Viertel des vorigen Abends ist vor allem eine Touristen-Hochburg, der Parque de Retiro ist wie auch der Fluss ein guter Ort, um der Stadt ein bisschen zu entkommen. Ich laufe viel und kann doch gar nicht alles erkunden. Dafür sind drei Tage einfach zu wenig.

Da mein Couchsurfer, der mich für zwei Nächte aufgenommen hat, viel arbeiten muss, setze ich mich abends an den Tresen eines Restaurants oder einer Bar. So lerne ich Borja kennen, 31 Jahre und sowohl Barkeeper als auch Couch, der mehr und mehr von seinem spannenden Lebensweg erzählt. Oder Javier, 52 Jahre und Schauspieler, der Flamenco unterrichtet, auch andere Schauspieler coucht und mit dem eine heiße Diskussion um soziale Netzwerke entsteht. Und genau hier ist die Gemütlichkeit zu finden, von der ich sprach. In Bars, die etwas abseits liegen und in denen sich vor allem die Einheimischen tummeln, kann man sich wunderbar einfach dazu stellen und entweder das Treiben beobachten oder sich in ein nettes Gespräch verwickeln (lassen). Auf einmal ist es ganz zahm und anschmiegsam, dieses Madrid, das in einem Lied auch als „liebevoll und sentimental“ besungen wird. Ich bin sicher, wir werden uns wieder sehen.

Kilometer Null: Von hier aus werden Entfernungen zu anderen Teilen des landes gemessen. Wer über ihn tritt, so heißt es, wird wiederkommen.

(Februar 2018)

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